Panama hat eine besondere Eigenschaft: Wenn die Sonne untergeht, wird der Regenwald nicht still. Er wechselt nur die Besetzung.
Tagsüber hört man Brüllaffen, Tukane, Papageien und unzählige andere Vögel. Sobald es dunkel wird, verschwinden viele dieser Tiere in ihren Schlafplätzen und eine völlig andere Welt erwacht. Frösche beginnen zu rufen, Fledermäuse schießen durch die Dunkelheit und irgendwo zwischen den Bäumen beginnt ein Vogel zu rufen, den man unmöglich sehen kann.
Willkommen in der Nachtschicht des panamaischen Regenwaldes.
Und natürlich gehören Eulen zu den faszinierendsten Mitgliedern dieser Nachtschicht.
Panama ist ein hervorragendes Eulenland
Panama besitzt eine unglaubliche Vielfalt an Lebensräumen. Vom tropischen Tieflandregenwald über trockene Wälder bis hin zu den Nebelwäldern der Berge gibt es Lebensräume für zahlreiche Eulenarten.
Zu den Eulen, die in Panama vorkommen, gehören unter anderem die Brilleneule, Kroneneule, Tropische Kreischeule, Streifenkauz, Fleckeneule, Schwarzweiße Eule und verschiedene Zwergkäuze.
Und sie sind nicht alle ausschließlich nachts aktiv.
Einige Arten sind besonders in der Dämmerung unterwegs, andere können gelegentlich am Tag beobachtet werden. Gerade die kleinen Zwergkäuze können überraschend aktiv sein, wenn die Sonne noch scheint.
Die Brilleneule trägt ihren Namen nicht ohne Grund
Die Brilleneule ist eine der beeindruckendsten größeren Eulen Mittelamerikas.
Ihr auffälliges Gesichtsmuster erinnert tatsächlich an eine Brille. Dazu kommen dunkle Augen und ein kräftiger Körper.
Sie lebt hauptsächlich in Waldgebieten und jagt verschiedene kleinere Tiere. Auf ihrem Speiseplan können Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und größere Insekten stehen.
Und obwohl sie ziemlich groß ist, kann man sie erstaunlich schwer entdecken.
Das ist eines der großen Geheimnisse der tropischen Vogelbeobachtung: Ein Tier kann direkt über deinem Kopf sitzen und trotzdem praktisch unsichtbar sein.
Eulen hören besser, als wir sehen können
Das Gehör ist für viele Eulen wichtiger als das Sehen.
Ihre großen Augen sind natürlich perfekt an schwaches Licht angepasst, aber ihre Ohren ermöglichen ihnen etwas noch Erstaunlicheres: Sie können Geräusche sehr genau lokalisieren.
Bei verschiedenen Eulenarten befinden sich die Ohröffnungen nicht exakt symmetrisch am Kopf. Dadurch erreicht ein Geräusch die beiden Ohren geringfügig unterschiedlich.
Das Gehirn der Eule kann diese winzigen Unterschiede auswerten.
Eine Maus bewegt sich irgendwo im Laub.
Wir hören vielleicht gar nichts.
Die Eule hört es.
Und plötzlich weiß sie ziemlich genau, wo sich das Abendessen befindet.
Und dann kommt der lautlose Flug
Eine Eule, die durch die Nacht fliegt, ist ein kleines Meisterwerk der Evolution.
Die Struktur ihrer Schwungfedern reduziert die Geräusche, die normalerweise entstehen, wenn Luft über einen Flügel strömt.
Deshalb kann eine Eule erstaunlich leise fliegen.
Für ihre Beute ist das eine ziemlich schlechte Nachricht.
Eine Maus kann nicht einfach aufschauen und denken:
„Oh, da kommt ein Raubvogel.“
Oft hört sie ihn kaum.
Die kleinen Eulen sind nicht weniger interessant
Der Mittelamerikanische Sperlingskauz ist winzig im Vergleich zu den großen Eulen.
Aber klein bedeutet keineswegs harmlos.
Diese kleinen Räuber fressen Insekten und andere kleine Tiere und können sich erstaunlich selbstbewusst verhalten.
Einige Zwergkäuze haben außerdem die interessante Angewohnheit, auch bei Tageslicht aktiv zu sein.
Wenn du also mitten am Tag einen kleinen Eulenkopf in einem Baum entdeckst, bedeutet das nicht unbedingt, dass die Eule ihren Schlafplan vergessen hat.
Panama besitzt noch viel seltsamere Nachtvögel
Wer nachts Vögel beobachten möchte, sollte nicht nur nach Eulen suchen.
Einer der spektakulärsten Vögel Panamas ist der Potoo, auf Deutsch meist als Urutau bezeichnet.
Und dieser Vogel sieht wirklich eigenartig aus.
Potoos sitzen tagsüber vollkommen regungslos auf Ästen und sind derart gut getarnt, dass sie wie ein Stück abgestorbenes Holz aussehen können.
Ihre Tarnung ist so effektiv, dass selbst erfahrene Beobachter direkt an ihnen vorbeischauen können.
Ihre Strategie lautet im Grunde:
Nicht weglaufen. Einfach ein Ast werden.
Der Große Potoo ist fast schon absurd
Der Große Potoo ist einer der spektakulärsten nachtaktiven Vögel der Region.
Er besitzt riesige Augen, einen gewaltigen Schnabel und ein Gefieder, das ihn perfekt mit Baumrinde verschmelzen lässt.
Tagsüber sitzt er regungslos da.
Nachts wird er aktiv und jagt hauptsächlich fliegende Insekten.
Und seine Augen haben noch einen weiteren Trick: Potoos können ihre Augen teilweise schließen und trotzdem durch kleine Schlitze beobachten, was um sie herum passiert.
Man könnte sagen, dass der Vogel dich beobachtet, während du glaubst, dass er dich nicht sehen kann.
Nachtsegler und Nachtvögel
Panama beherbergt außerdem verschiedene Arten von Nachtschwalben.
Diese Vögel sind eng an das Leben bei Dunkelheit angepasst und ernähren sich hauptsächlich von fliegenden Insekten.
Ihr Flug kann überraschend wendig sein. Sie können Insekten im Flug verfolgen und mit ihrem großen Maul aufnehmen.
Ihr Gefieder ist meistens braun, grau und gemustert, wodurch sie am Boden oder auf Ästen praktisch verschwinden.
Eine Nachtschwalbe kann also direkt in deiner Nähe sein, während du absolut nichts siehst.
Dann fliegt sie plötzlich über deinen Kopf.
Und zwei Sekunden später ist sie wieder verschwunden.
Warum ist der tropische Wald nachts so interessant?
Weil die Artenzusammensetzung sich teilweise komplett verändert.
Nach Sonnenuntergang können unter anderem aktiv werden:
Eulen, Potoos, Nachtschwalben, Fledermäuse, Kinkajus, Olingos, verschiedene Frösche, Geckos, Insekten und zahlreiche andere nachtaktive Tiere.
Auch einige Säugetiere, die man tagsüber fast nie sieht, werden jetzt aktiv.
Deshalb kann ein nächtlicher Spaziergang durch den panamaischen Wald völlig anders aussehen als dieselbe Strecke am Nachmittag.
Der Wald ist derselbe.
Die Bewohner sind es nicht.
Warum klingt eine Eule nicht immer wie eine Eule?
Das berühmte „Huhuu“ ist nur eine sehr vereinfachte Vorstellung.
Je nach Art können Eulen pfeifen, kreischen, knurren, bellen, trillern oder tiefe Rufe ausstoßen.
Manche Geräusche klingen sogar eher nach einem kleinen Säugetier oder einem seltsamen Geräusch aus dem Wald als nach einem Vogel.
Wer nachts Vögel beobachten möchte, sollte deshalb lernen, Laute zu erkennen, anstatt nur nach Augen zu suchen.
Oft hört man den Vogel lange bevor man ihn sieht.
Die besten Chancen gibt es bei langsamen Nachtwanderungen
Wenn du nachts Vögel beobachten möchtest, ist Geduld wichtiger als Geschwindigkeit.
Langsam gehen.
Oft stehen bleiben.
Lauschen.
Nach oben schauen.
Äste kontrollieren.
Waldränder beobachten.
Und vor allem nicht ständig mit einer extrem hellen Taschenlampe herumleuchten.
Wenn sich deine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, kannst du plötzlich erstaunlich viel erkennen.
Und manchmal passiert etwas ganz Besonderes.
Du stehst einfach still.
Ein Frosch ruft irgendwo im Gebüsch.
Ein Insekt summt über deinen Kopf.
Ein Blatt bewegt sich hoch oben im Baum.
Dann kommt aus der Dunkelheit der Ruf einer Eule.
Du suchst.
Du findest nichts.
Dann siehst du plötzlich zwei Augen.
Nur für einen Moment.
Und schon fliegt der Vogel lautlos davon.
Die Nachtseite Panamas ist eine eigene Welt
Das vielleicht Faszinierendste an Panamas Nachtvögeln ist, dass man nicht unbedingt etwas sehen muss, damit die Begegnung beeindruckend ist.
Manchmal reicht ein Ruf aus der völligen Dunkelheit.
Denn wenn du nachts durch einen panamaischen Regenwald gehst, befindest du dich nicht in einem Wald, der schläft.
Du befindest dich in einem Wald, der gerade seine Schicht wechselt.
Die Eulen gehen auf die Jagd.
Die Potoos beginnen ihre nächtliche Arbeit.
Die Nachtschwalben fangen Insekten.
Fledermäuse verlassen ihre Verstecke.
Und zwischen all diesen Geräuschen bewegt sich eine unglaubliche Vielfalt an Leben durch die Dunkelheit.
Tagsüber gehört der Wald den Tukanen und Affen. Nachts gehört er den Eulen.

