Wer in Panama einen Spinnenaffen entdeckt, bekommt normalerweise nur wenige Sekunden Zeit, ihn zu bewundern. Ein langer Arm greift nach einem Ast, ein Schwanz wickelt sich um einen Zweig, ein Körper schwingt durch die Baumkronen und plötzlich ist das Tier verschwunden. Spinnenaffen gehören zu den spektakulärsten Bewohnern des panamaischen Regenwaldes und sind perfekt an ein Leben angepasst, das sich viele Meter über dem Boden abspielt.
In Panama kommen mehrere Formen aus der Gattung Ateles vor. Besonders bekannt ist der Geoffroy Spinnenaffe, Ateles geoffroyi, zu dessen panamaischen Formen unter anderem der sogenannte Panama Spinnenaffe gezählt wird. Im Osten Panamas kommt außerdem der Schwarzkopf Spinnenaffe, Ateles fusciceps, vor. Die genaue Einteilung dieser Tiere ist unter Wissenschaftlern allerdings nicht ganz unkompliziert. Einige Taxonomen behandeln A. fusciceps als eigenständige Art, während andere ihn enger mit dem Geoffroy Spinnenaffen verbinden.
Das auffälligste Merkmal eines Spinnenaffen ist natürlich sein außergewöhnlich langer Greifschwanz. Der Schwanz ist nicht einfach ein Anhängsel, das beim Klettern hinterherbaumelt. Er ist ein echtes Werkzeug. Die Unterseite der Schwanzspitze besitzt eine besonders griffige Haut, mit der sich das Tier an Ästen festhalten kann. Während die Hände nach Früchten greifen oder die Beine einen anderen Ast erreichen, kann der Schwanz einen Teil des Körpergewichts übernehmen. Dadurch entsteht der Eindruck, als hätte der Affe tatsächlich einen zusätzlichen Arm.
Sein ganzer Körper ist für diese Lebensweise gebaut. Spinnenaffen haben relativ lange Arme und Beine, einen beweglichen Körper und Hände, die sich hervorragend zum Greifen eignen. Anders als viele andere Affen besitzen sie keinen kräftigen Daumen, der ihre Hände wie unsere Hände arbeiten lässt. Stattdessen sind die langen Finger ideal, um Äste zu umfassen. Zusammen mit dem Schwanz ergibt sich ein Körper, der geradezu für das Leben im Kronendach konstruiert wurde.
Und dort verbringen sie einen großen Teil ihres Lebens. Spinnenaffen sind ausgesprochene Baumbewohner. Untersuchungen in Panama haben gezeigt, dass sie besonders hohe und ausgewachsene Bäume bevorzugen, weil dort die Baumkronen besser miteinander verbunden sind. Auf Barro Colorado Island wurden ihre Bewegungen mit der Struktur des Waldes verglichen. Spinnenaffen bewegten sich schnell durch den Wald und legten im Durchschnitt etwa 2,5 Kilometer pro Tag zurück. Ihre Bewegungsrouten waren dabei stark mit dem vorhandenen Kronendach verbunden.
Das erklärt auch, warum die Abholzung eines Waldes für Spinnenaffen ein viel größeres Problem sein kann, als es auf den ersten Blick aussieht. Für einen Menschen kann eine Lichtung von einigen hundert Metern einfach wie ein Stück freies Land aussehen. Für einen Affen, der sich normalerweise von Baumkrone zu Baumkrone bewegt, kann dieselbe Lichtung jedoch eine riesige Lücke darstellen. Wird der Wald zu stark zerschnitten, verschwinden die natürlichen „Baumautobahnen“, auf denen sich die Tiere fortbewegen.
Früchte stehen ganz oben auf dem Speiseplan. Spinnenaffen sind wichtige Fruchtfresser und suchen gezielt nach Bäumen, die gerade reife Früchte tragen. Je nachdem, was der Wald zu bieten hat, fressen sie außerdem Blätter, Blüten, Samen und andere pflanzliche Nahrung. Ihre Vorliebe für Früchte hat eine wichtige Nebenwirkung: Sie verteilen die Samen vieler Pflanzen im gesamten Wald.
Ein Spinnenaffe ist deshalb gleichzeitig Fruchtesser, Reisender und Gärtner des Regenwaldes. Er frisst eine Frucht hoch oben in einem Baum, bewegt sich anschließend vielleicht mehrere hundert Meter weiter und scheidet die Samen an einem anderen Ort wieder aus. Dadurch können Pflanzen neue Bereiche besiedeln. Bei großen Waldtieren ist diese Art der Samenverbreitung besonders wichtig, weil sie Samen über größere Entfernungen transportieren können.
Spinnenaffen sind außerdem ungewöhnlich sozial organisiert. Sie leben nicht einfach ständig als eine große Gruppe zusammen. Ihre Gemeinschaft kann sich in kleinere Gruppen aufteilen, die sich später wieder verändern oder zusammenfinden. Dieses sogenannte Fission Fusion System bedeutet, dass die Zusammensetzung einer Gruppe nicht immer gleich bleibt. An einem Tag können mehrere Tiere gemeinsam unterwegs sein, während sich am nächsten Tag andere Kombinationen bilden.
Auch die Größe ihrer Gemeinschaft kann beeindruckend sein. Eine größere Spinnenaffengemeinschaft kann aus zahlreichen Individuen bestehen, obwohl man im Wald oft nur einige wenige gleichzeitig sieht. Das liegt daran, dass die Tiere bei der Nahrungssuche auseinandergehen können. Wenn genügend Früchte an verschiedenen Stellen des Waldes vorhanden sind, gibt es wenig Grund für alle Tiere, ständig auf demselben Baum zu sitzen.
Ihre Kommunikation ist ebenfalls faszinierend. Im dichten Regenwald kann man sich nicht darauf verlassen, dass man andere Gruppenmitglieder ständig sehen kann. Geräusche werden deshalb zu einem wichtigen Bestandteil des sozialen Lebens. Spinnenaffen können verschiedene Rufe erzeugen und dadurch über Entfernungen hinweg miteinander kommunizieren. Manchmal hört man sie durch die Baumkronen, bevor man überhaupt einen Affen entdeckt.
Wer in Panama Affen beobachtet, sollte deshalb nicht nur auf seine Augen vertrauen. Die Ohren sind mindestens genauso wichtig. Ein plötzliches Rascheln, ein schwerer Körper, der durch Blätter kracht, oder Rufe aus den Baumkronen können verraten, dass sich irgendwo über dem Wanderweg gerade eine ganze Affengruppe bewegt.
Panama hat sogar eine interessante Geschichte mit Spinnenaffen auf Barro Colorado Island. Die dortige Population war durch Jagd verschwunden. Zwischen 1959 und 1966 wurden anschließend mindestens 18 Spinnenaffen wieder auf der Insel angesiedelt. Nur ein kleiner Teil überlebte die Wiedereinführung, aber diese Tiere bildeten den Ausgangspunkt für eine neue Population. Das Beispiel zeigt, wie empfindlich diese Tiere gegenüber menschlicher Verfolgung sein können, aber auch, dass geeignete Wälder unter den richtigen Bedingungen wieder Populationen tragen können.
Heute ist die Situation der Spinnenaffen in Panama allerdings nicht überall rosig. Lebensraumverlust und Jagd gehören zu den wichtigsten Problemen. Besonders problematisch ist die Zerstörung großer zusammenhängender Waldflächen. Spinnenaffen brauchen große Gebiete mit ausreichend Nahrung und einem gut verbundenen Kronendach. Sie gehören deshalb zu den Tieren, die besonders stark davon profitieren, wenn große Waldgebiete erhalten bleiben.
Im Osten Panamas liegen einige der wichtigsten verbliebenen Lebensräume. Der Darién ist dabei besonders bedeutend. Dort treffen die Wälder Mittelamerikas auf die riesigen tropischen Waldgebiete Südamerikas. Der Übergang ist biologisch außergewöhnlich interessant, und auch verschiedene Formen von Spinnenaffen kommen in dieser Region vor.
Interessant ist auch, dass Panama bei Spinnenaffen eine Art biologische Schnittstelle darstellt. Die westlichen und zentralen Waldgebiete des Landes gehören zur mittelamerikanischen Welt, während im Osten die Verbindung nach Kolumbien und damit nach Südamerika beginnt. Bei Ateles überschneiden sich deshalb unterschiedliche Formen und taxonomische Diskussionen. Wissenschaftler untersuchen weiterhin, wie diese Populationen miteinander verwandt sind und wie sie am besten klassifiziert werden sollten. Genetische Untersuchungen haben gezeigt, dass die Geschichte dieser Tiere komplizierter ist, als ihre äußere Erscheinung vermuten lässt.
Für Wanderer ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis jedoch viel einfacher: Schauen Sie nach oben. Viele Menschen laufen durch den Regenwald und suchen Tiere am Boden. Bei Spinnenaffen befindet sich die eigentliche Bühne oft 15, 20 oder noch mehr Meter über ihnen. Ein Fernglas kann deshalb einen gewaltigen Unterschied machen.
Manchmal entdeckt man zuerst eine Bewegung zwischen den Blättern. Dann einen langen Arm. Danach einen Schwanz, der sich um einen Ast wickelt. Plötzlich springt ein zweites Tier über eine Lücke und ein drittes hängt kopfüber an einem Ast. Innerhalb weniger Sekunden kann sich der gesamte Wald über Ihnen in Bewegung setzen.
Und dann sind sie wieder weg.
Vielleicht ist genau das der besondere Reiz der Spinnenaffen. Sie sind keine Tiere, die geduldig neben einem Wanderweg auf Touristen warten. Sie gehören zu einer Welt über unseren Köpfen, die die meisten Menschen nur dann bemerken, wenn sie für einen kurzen Augenblick sichtbar wird.
Panamas Regenwald ist voller Tiere, die man sehen kann. Die Spinnenaffen gehören zu den Tieren, die man zuerst hören, dann suchen und schließlich viel zu schnell wieder verlieren kann. Und wenn ein langer Schwanz hoch oben zwischen den Ästen verschwindet, erinnert er einen daran, dass der Dschungel nicht nur auf dem Boden stattfindet. Ein großer Teil davon befindet sich direkt über unseren Köpfen.
